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Aus der Feuerwehr - Feuerwehrler Patrick Reimann
// Aus der Feuerwehr - Feuerwehrler Patrick Reimann 06.02.2021
Artikel Südostbayerische Rundschau - 06.02.2021 

Nach Lähmung zurück gekämpft: MS-Kranker kann wieder gehen 

Mit hartem Training besiegt Feuerwehrler Patrick Reimann Multiple Sklerose und Querschnittlähmung 

2007 erhält Patrick Reimann aus Laufen (Berchtesgadener Land) die Diagnose MS, die später in eine Querschnittlähmung mündet. Inzwischen kann er sogar wieder gehen.

Man schreibt den 5. April 2007, den Gründonnerstag. Während sich die Familie des 21-jährigen Bauzeichners Patrick Reimann in Laufen und die Welt auf das Osterfest vorbereiten, liegt Patrick in der Christian-Doppler-Klinik Salzburg. Seit sieben Tagen nimmt man an ihm Untersuchungen vor, weil die Ärzte wegen seiner Kopf- und Augenschmerzen keine eindeutige Diagnose stellen können. Nun soll eine endgültige Abklärung erfolgen. Und die erfolgt: Multiple Sklerose (MS) lautet das medizinische Urteil. Das Anamnesegespräch zwischen Arzt und Patienten verläuft kurz, als ihm die Krankheit mitgeteilt wird. "Mir war, als wäre ich in ein schwarzes Loch gefallen. Ganz tief. Keine weitere Aufklärung, keine psychologische Begleitung. Ich dachte mir, was bist du als Mensch und Patient?".
Doch es sollte noch dicker kommen in den nächsten Jahren: Es folgten viele "Schübe", wie die vertiefenden Krankheitsverläufe genannt werden. Reimann verbrachte den Großteil der Zeit in den Folgejahren bei rund ein halbes Dutzend Ärzten und Spezialkliniken. Immer wieder. Der letzte Schub erfolgte Anfang 2018 in der Folge der MS mit der Entzündung des oberen Rückenmarks im Halsabschnitt (HWS), welche die inkomplette Querschnittlähmung auslöste. Nun waren der Rollstuhl und die Krücken das Fortbewegungsmittel. "Ich musste mir mein Leben völlig umstellen und neu organisieren. Kein gesunder Mensch kann sich das vorstellen, gegen welche Hürden man zu kämpfen hat. Doch ich habe in der Familie und bei vielen Freunden, so auch bei der Feuerwehr, in dieser Lebenslage einen starken Rückhalt."

"Ich darf erfahren, was Kameradschaft bedeutet"

Patrick Reimann war bereits seit 1999, also lange vor seiner Erkrankung, Mitglied der Feuerwehrjugend und der Feuerwehr. Er absolvierte alle erforderlichen Lehrgänge, vom Grundlehrgang bis zum Zugführer. Seit 2003 ist er auch für die Pressearbeit und die Homepage zuständig und ab 2011 war er als Oberlöschmeister Kommandant-Stellvertreter der Stadtfeuerwehr Laufen, legte allerdings diese Funktion krankheitshalber 2019 zurück.

Kommandant Herbert Kitzberger lobt den Einsatz seines Kameraden: "Patrick hat sich insbesondere beim Bau des neuen Feuerwehrhauses große Verdienste erworben. Er konnte seine Erfahrung aus einer führenden Stellung bei der Feuerwehr und die seines Berufes als Bauzeichners einbringen. Somit ist es auch ihm zu verdanken, dass wir in ein Haus einziehen konnten, das sehr funktional gebaut ist und zudem wurde durch die Erfahrung von Patrick auch Geld gespart, weil klug gebaut und sparsam umgesetzt werden konnte." Auch seit seiner schwierigen Phase der Erkrankung leistet er wertvolle Dienste, vor allem im inneren Ablauf, wie im Schriftverkehr, bei Verwaltungsarbeiten und in der Öffentlichkeitsarbeit."

Rollstuhl und Krücken konnte er beiseite legen

Der gute Genesungsfortschritt bei dieser Krankheit ist nur zu erwirken, wenn überhaupt, durch ein hartes körperliches Training möglich. "Da bin ich dankbar, dass ich, gerade in einer Zeit, in der Fitnesszentren zugesperrt sind, in der Fitnesskammer der Feuerwehr Laufen trainieren kann. Das ist das Eine und die wirklich außergewöhnliche Kameradschaft meiner Feuerwehrkameraden, die mich in jeder Phase unterstützen, haben den Erfolg gebracht. Schritt für Schritt konnte ich eine Verbesserung bei meiner Krankheit erreichen."

Erst schob er den Rollstuhl zur Seite, danach benötigte er die Krücken nur mehr für weitere Strecken und seit Oktober geht es größtenteils ohne Hilfsmittel. "Jetzt kann ich sogar meinem Beruf als Bauzeichner in einem Teisendorfer Architekturbüro wieder besser nachgehen", sagt Reimann.

Trotzdem: Auch ohne Hilfsmittel ist die Mobilität noch eingeschränkt und es ist weiterhin ein lebenslanges Training nötig, um den Fortschritt zu erhalten. Starke Schmerzen in den Beinen, fehlendes Gefühl und Wärme/Kälte-Empfinden an den Beinen bis zum Querschnitt in Höhe des Bauchnabels bleiben auch weiterhin, vermutlich lebenslang, und sind natürlich noch eine zusätzliche Belastung. "Auch wenn Außenstehende die Behinderung nicht mehr so offensichtlich wahrnehmen, sind die Einschränkungen weiter enorm."

Mediziner: Hoffnung auch für andere Patienten

Kann man von einem Wunder sprechen? "Mein Genesungsfortschritt ist keine ,Wunderheilung’, sondern hartes Training und es ist auch viel Glück, dass ich heute in dieser Verfassung bin. Es hätte auch anders kommen können. Denn trotz meiner wiedererlangten Mobilität habe ich auch weiter starke Probleme mit der Multiple-Sklerose und der Querschnittlähmung. Aber ich kann mich glücklich schätzen, weil es gibt bei dieser Krankheit viele schwerere Krankheitsverläufe", so Reimann. Eine Aussage, die die Tapferkeit des Feuerwehrlers widerspiegelt – denn auch sein Fall sei zu den schwereren Verläufen zu zählen, so sein behandelnder Arzt, Prof. Dr. med. Thorleif Etgen vom Klinikum Traunstein. Umso mehr könne der Fall des Laufeners auch vielen anderen Patienten Hoffnung machen. "Auch wenn die Neurologie aktuell die MS noch nicht heilen kann, stehen für unsere Patienten in den letzten Jahren hochwirksame Medikamente zur Verfügung, die die Krankheitsaktivität sehr effektiv einbremsen kann", so der Mediziner. So habe man bei Reimann mit sogenannten monoklonalen Antikörper erreichen können, dass seit Juli 2018 erfreulicherweise keine Schübe mehr auftraten.

"Ich bin übrigens sehr froh, dass wir diese Therapien auch in Traunstein in Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Fachärzten im Rahmen unserer Spezialambulanz anbieten können, so dass wir unsere Patienten regional gut versorgen können", so Professor Etgen, der bei allem medizinischen Fortschritt allerdings auch betont, dass Reimann mit seinem Training selbst wesentlich zur Verbesserung der Situation beigetragen hat.

"Ein Training ist bei MS immer sehr wichtig, oft am besten in Zusammenarbeit mit Physio-/Ergotherapie." Wie bei jedem Training solle man es zwar nicht überstrapazieren – "die Gefahr einer Verschlechterung besteht in der Regel jedoch nicht, wenn man auf seinen Körper hört und rechtzeitig ein ,zu hartes Training‘ beendet. Auch ein gutes soziales Umfeld – wie bei Herrn Reimann zum
Beispiel die Feuerwehr – ist bei der Therapie sehr wichtig."
 
Autor: Prof. Josef Standl / Johannes Geigenberger Fotos:  Prof. Josef Standl / Südostbayerische Rundschau (2 Bilder)
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